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«Warum schreiben Sie so viel?»
Transmis par: s.imobersteg Actif Lundi 14 Juin 2010 - 09:20
Im Februar 2010 dirigierte Nikolaus Harnoncourt in Zürich Mozarts Idomeneo. Es ging damit vermutlich eine Ära am Opernhaus zu Ende, welche 1975 mit dem legendären Zyklus der Opern Monteverdis begann. Harnoncourts ausgedehnte Proben für jede Produktion in diesen 35 Jahren zeichneten sich durch fundierte musikwissenschaftliche Kompetenz aus, seine berühmte musikdramatische Stringenz vermittelte er jedoch in erster Linie über seine reichhaltige bildhafte Sprache. Für das Präludium stellte Urs Dengler einige Zitate aus der Probenarbeit zu Idomeneo zusammen. Viel Spass:
«In der Ouvertüre sind nicht zwei Takte im selben Tempo; ich bin der allergrösste Feind von Tempo halten. – Hier müssen Sie schluchzen wie 10 Pavarottis. – Das war um ein 10faches zu laut und um ein Achtel zu früh. – Trompeten und Pauken sind fertig, Sie sind selbst schuld, dass Sie nicht Geige gelernt haben. – Diese Achtel müssen springen, das muss richtig raspeln; nein, das klingt bei Ihnen wie ein Laubsägen-Röslein. – Da ist zuviel Privat-Ritenuto darin.
Akkord und weg; ein Tenuto machen wir nur bei ganz teuflischen Stellen. – Das klingt wie Bibelstunde und Muttertag. – Da dürfen Sie vibrieren, das wird wie Jazz gespielt, das ist ein Saxofon-Solo der Celli, das müssen Sie mit der Hüfte spielen. – Nicht die letzte Note betonen, da bin ich allergisch. – Das ist das Innere vom Magen. – Sie müssen das reissen; Sie haben doch alle etwas Tigerhaftes in sich. – Das ist zu gemütlich, sind Sie zuhause auch so nett? Da gehen Sie zum Frosch und machen einen Skandal. – Stellen Sie sich vor, wie eine grauslige Hand an einer Wand hinunterkratzt, halb so laut und mit gesträubten Haaren. – Warum schreiben Sie so viel? Da wird eh’ nichts besser vom Schreiben; ich bin überhaupt kein Freund vom Einschreiben; man muss etwas machen, weil man es verstanden hat und nicht weil man es eingeschrieben hat; was eingeschrieben wird, wird dann doch schlecht. – Das muss klingen, wie wenn eine Krake Sie zusammendrückt; herausgepresst wie aus einer Zahnpastatube kommen Sie da heraus. – Nein, das klingt, wie wenn Sie ein Baby in den Schlaf singen wollen. Das soll ein Gorilla sein und nicht ein Mensch. – Es muss immer der Bass zuerst sein in einem Akkord, sonst überlegt der Philosoph, was ist das für ein Akkord. – Das sind Hekatomben, da werden 100 Stiere getötet; das klingt bei Ihnen, wie wenn Sie Ameisen zerdrücken. – Das ist schönste österreichsche Volksmusik; pures Glück; wir fahren alle ins Zillertal; diese Vorschläge auf den Wiederholungen, das sind zuckersüsse Küsse; das hier ist der Südwind. – Nein, das ist kein Schlummerlied für einen Drachen; die sind hungrig, die wollen das ganze Orchester auffressen; das müssen Sie mit allen vier Füssen spielen; legen Sie sich das unters Kopfpolster und träumen Sie von Seeungeheuern. – Wenn Sie zwei gleiche Achtel spielen, können Sie gleich nach Hannover. – Es gibt keine Sechzehntel; wenn Sie Sechzehntel spielen, kriegen Sie die Goldmedaille für Sechzehntelspielen; Sechzehntel kommen doch von irgendwo her oder gehen irgendwo hin! – Kaum sind Sie auf einer langen Note, denken Sie an Urlaub und machen dort eine Schwammerlzucht auf. – Nicht die letzte Note betonen; das klingt so, als ob Sie froh wären, dass Schluss ist. – Nehmen Sie je nach Alter so viel Bogen wie möglich. – Nicht Viertelnoten spielen nach Achtelnoten, das ist doch Adam und Eva; ein Schlusston ist nie so wie geschrieben, der geht so wie die Musik davor; sonst können Sie gleich Schumann oder Brahms spielen. Spielen Sie eine ganze Note, die man nicht hört, das ist das Beste. – Das klingt wie italienischer Schöngesang. Das ist doch kein Vorsingen bei Muti. - Fragen Sie einen Tiger, wie der das singt. – In einem ¾-Takt sind immer 2 Takte Kommen und 2 Takte Gehen; wenn Sie einzelne Takte spielen, ist schon alles verkehrt. – Bitte, das sind Tänze! Leute, die etwas verstehen, verstehen sonst gar nichts; spielen Sie jede Woche einmal Tanzmusik. – Ein Tanz kommt immer vom Bass; ja, jetzt ist der Schwung in den Bässen gut, man spürt, dass Sie in der richtigen Jahreszeit sind. – Schnell schreiben oder denken. – Da müssen die Hörner glühen und die Klarinetten brennen. – Das ist ein reiner Jodler auf Bratschen-Basis. – Diese Achtel müssen wie in einer Küche klingen, wo etwas haschiert wird. – Nein. Man hört, dass Sie lieb sind und nie Ihre Kinder schlagen. – Lange Töne immer wegfedern, Sie spielen schon wieder tenuto; der Ton muss schwingen; Wenn Sie sich das jeden Abend vor dem zu Bettgehen vorsagen, haben wir’s bis zur Aufführung. Lesen Sie’s nach im Leopold Mozart, den haben Sie ja zu Hause immer offen liegen. – Das muss sein, wie wenn Sie einen Kochtopf umrühren und der ist viel zu heiss. – Nur für grosse Virtuosen ist das oben am Bogen. – Dieses Ballett war für den besten Tänzer seiner Zeit damals; der war in der Luft und hat mit seinen Füssen sieben Mal getrillert; da können Sie nicht «baaah» spielen, das war doch kein Krokodil; Sie müssen dem Ton Leben geben, dass soll keine Autohupe sein. – Wenn Sie 1/32 spielen sind wir schon verloren; fangen Sie mit einem 1/31 an und hören Sie mit einem 1/35 auf. – Diese drei Takte sind Lärm, Krach; das ist keine Musik, da rücken Sie Klaviere in der Wohnung hin und her. – Werden Sie schneller beim crescendo; das ist zwar, was man im Konservatorium lernt, das man nicht machen soll, machen Sie’s aber trotzdem. – Das muss klingen wie ein trockenes Tuch auf einer Fensterscheibe. – Sie müssen nicht mit jedem 1/32 auf die Achtel der Bässe passen; das wissen die Bauerngeiger ganz genau. – Mit der linken Hand müssen Sie wie mit den Klauen eines Geiers spielen. (für pizz.) – Singen Sie, wie wenn Sie auf einem Grill stehen. – Ihr singt’s ja total nach hinten; da müssen wir ja das Publikum auf die andere Seite setzen. – Das ist ja ein parfümierter Kontrabass, da muss das Kolophonium stauben! – Können Sie nicht ein geistiges Dirndl-Kleid anlegen? – Spielen Sie das mit ganz spitzen Fingern; so als würden Sie ausnahmsweise Fleisch mit Messer und Gabel essen.»

Urs Dengler, Zentralvorstand SMV


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